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Taschen- und Küchentücher sind keine Toilettenpapiere – Missbrauch von nassfest ausgerüsteten Alternativen verstopfen Toiletten und kommunale Abwasserentsorgungsanlagen

Die starke Nachfrage nach Toilettenpapier kann derzeit nicht immer bedient werden. Daher weichen Verbraucher in ihrer Not auf alternative Produkte wie Feuchttücher, Streifen von der Küchenrolle und Taschentücher aus.

 

Papier ist aber nicht gleich Papier. Jedes Papier-Produkt ist für seine bestimmungsgemäße Anwendung ausgerüstet worden.

 

Toilettenpapiere werden von den Herstellern so gestaltet, dass sie sich beim Herunterspülen in der Toilette und den Abwasseranlagen der kommunalen Entsorger wieder in die einzelnen Zellstofffasern zersetzen. Ganz anders verhält es sich mit nassfest ausgerüsteten Papieren wie Küchenrollen oder einigen Taschentüchern. Diese sollen nun gerade auch im feuchten oder gar nassen Zustand über einen längeren Zeitraum intakt bleiben und sind daher papiertechnisch mit sogenannten Nassfestmitteln ausgerüstet worden.

 

Was sind Nassfestmittel?

 

Zur Erreichung einer Nassfestigkeit werden Papieren verschiedene Harzsysteme zugesetzt. Diese bilden Polymernetzwerke und damit wasserbeständige Zwischenfaserbindungen. Während der thermischen Trocknung konzentriert sich Wasser (und damit das Nassfestmittel) aufgrund von Kapillarkräften an Faserkreuzungen, wo dann die Vernetzung der Nassfestmittel durch Kondensationsreaktion erfolgt.

Grau      = Zellstofffasern

Rot        = Nassfestmittel

Blau       = Wasser

Die häufigsten Nassfestmittel sind Polyamin-Epichlorhydrin-Harze. In einigen Anwendungen werden auch Harnstoff- oder Melamin-Formaldehyd-Harze und vernetzte Aldehyde wie glyoxylierte Polyacrylamide eingesetzt. Letztgenannte erzeugen eine temporäre statt permanente Nassfestigkeit. Durch längere Durchfeuchtung können hier die Polymernetzwerke wieder aufgelöst werden. So lässt sich das Papier wieder zerfasern. Obwohl diese Nassfestmittel für Hygienepapiere entwickelt wurden, werden sie dennoch nicht in allen Sorten eingesetzt: Auch bei Hygienepapieren dominieren permanente Nassfestmittelsysteme.

 

Das Verhalten Nassfester Papiere

 

Viele Anwender freuen sich, wenn das mitgewaschene Taschentuch nach der Wäsche noch von der Wäsche in Gänze abgetrennt werden kann und eben nicht in tausende Flocken zerfallen ist. Das führt nun aber dazu, dass sich eben jene Produkte auch in der Toilette und der Kanalisation nicht ausreichend auflösen.

 

In der Folge kommt es zu verstopften Abflüssen und es könne sogar bis zu einem Rückstau des Abwassers in der Kanalisation führen. (Artikel Sächsische Zeitung vom 25.3.2020, https://www.saechsische.de/klopapier-ersatz-verstopft-abfluesse-5187564.html).

 

Die nassfesten Papiere führen insbesondere zu Problemen in den Pumpwerken. Selbst mit Schneidrädern ausgestattete Pumpen können diese Tücher aufgrund der gestiegenen Anzahl derzeit nicht mehr zerkleinern. Feuchttücher – mitunter auch jene die als „Toilettenfeuchttücher“ ausgelobt sind - bilden lange, verfilzte und zähe Stränge, welche die Pumpen blockieren und zum Stillstand bringen. Die Reparatur einer einzelnen Pumpe kostet mehr als 10.000 Euro. Auch die Rohrleitungen werden zugesetzt und verstopfen. Eine größere Trockenperiode wie in diesem Frühjahr in Ostdeutschland der Fall, verschärft die Situation zudem weiter. Die Kanalnetzmitarbeiter müssen derzeit vermehrt ausrücken. Die Fachkräfte müssen die Reinigung und Reparaturen am Kanalsystem zumeist manuell vornehmen – etwas, was gerade in Corona-Infektionszeiten höchst bedenklich ist und niemandem zugemutet werde sollte. (Sächsische Zeitung, Freital und das Osterzgebirge, 18.4.2020). Auch vollbiologische Kleinkläranlagen mit Versickerungssystemen werden bereits durch geringe Mengen nassfester Produkte stark beschädigt.

 

Wie lassen sich die Papiere klassifizieren?

 

Mit dem sogenannten Flushability-Test („Spülbarkeits-Test“) wird unter Laborbedingungen überprüft, ob sich das Produkt hinreichend schnell in der Toilette auflöst (desintegriert).

Die zu erfüllenden Anforderungen für eine „Spülbarkeit“ wie u.a. die „Auflösequote“ (Desintegrierbarkeit) für Vliesstoffe sind nicht gesetzlich definiert, sondern werden von den internationalen Branchenverbänden EDANA (Verband für Vliesstoffe) und INDA (Verband der Vliesstoffindustrie) in Richtlinien für die Hersteller festgelegt. Eine der erforderlichen Testmethoden ist hierbei der Slosh-Box Disintegration Test (FG 502), wo die Zersetzung der Materialien in Wasser unter mechanischer Einwirkung für eine definiert festgelegte Zeitdauer nachgestellt wird. Der Anteil des auf einem definierten Sieb verbleibenden Rückstandes wird dabei gravimetrisch untersucht.

Mit dieser und weiteren Methoden soll sichergestellt werden, dass Produkte, die auf der Verpackung als „spülbar“ oder mit einem entsprechenden Symbol oder Piktogramm ausgelobt werden auch die hieran gestellten Anforderungen der Verbände erfüllen. (Quelle: Guidelines for Assessing the Flushability of Disposable Nonwoven Products, INDA, EDANA, Edition 4, Mai 2018).


Die Aussagekraft von Labormethoden zur „Spülbarkeit“ und die Kongruenz der Ergebnisse mit dem täglichen Erleben der Abwasserbetriebe bleiben dabei nicht unumstritten.

 

Viele Tücher sind indes erwiesenermaßen nicht zum Spülen gedacht. Staubtücher, Feuchttücher, Kosmetiktücher oder Babytücher bestehen oft aus sogenannten Spunlace-Fasern, Viskose und Polyesterfasern, die aufgrund der Verfestigungsbedingungen nicht wiederauflösbar mechanisch miteinander verbunden sind. Diese lösen sich im Wasser nicht auf, verspinnen sich und aggregieren weitere Objekte. Erzeugnisse wie Feuchttücher auf Basis von Zellstoff und Viskosezellulose, sogenannte flushable wipes, die zudem biologisch abbaubar sind, können eine Alternative sein. Voraussetzung ist die Verwendung entsprechender Faserlängen und Feinheiten und die Auswahl von Verfestigungsbedingungen um eine Wiederauflösbarkeit sicherzustellen. Nur ansehen kann man den Papieren ihre Natur nicht. Die Industrie setzt sich daher für eine eindeutige Kennzeichnung ein. Das Piktogramm "Nicht in die Toilette werfen" (Do not flush) sollte tunlichst beachtet werden.

 

 

(Quelle: EDANA, Guidelines for Assessing the Flushability of Disposable Nonwoven Products)

Bei fehlender Kennzeichnung oder in sonstigem Zweifelsfall sollten gebrauchte Tücher jedweder Art über den Restmüll entsorgt werden.

Es zeigt sich einmal mehr: es ist gut, über die Kunst der Papier- und Vliestechnologien informiert zu sein. Die Papiertechnische Stiftung (PTS) ist hierbei gerne ihr beratender Partner.

 

Unterstützung bei Produktentwicklungen für Behelfsprodukte

Auch bei Produktentwicklungen kann die PTS durch anwendungsnahe Forschung unterstützen.

Neuartige Materialien können mit Hilfe der PTS Pilotanlagen entwickelt werden. Als Materialien für Behelfsbedeckungen kommen dabei z.B. Papiere oder Nassvliesstoffe unter Verwendung von antimikrobiell z.B. mittels Silber ausgestatteten Fibriden bzw. Fasern in Frage (Verweis: PTS-Forschungsbericht 12/18 Steuerung spezifischer Anforderungen von Papier-Nassvliesen für die Luftfiltration mittels Wasserstrahlverfestigung (Papier-Nassvliese für Luftfiltration))

Auch Materialien für Feuchttücher können durch Nasslegeverfahren und Vorverfestigung an der PTS entwickelt werden und gemeinsam mit Partnern eine finale Spunlace-Behandlung erfolgen.