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„Single Use Plastic Directive” der EU: Bedeutung für die Papiererzeugung

Was vom Titel her nicht nach einer Regelung für Papier und Karton klingt, hat doch erheblichen Einfluss auf die Gestaltung von faserbasierten Produkten. Ein kurzer Abriss. Bilder von Plastikmüll am Strand und Quadratkilometer bedeckende Treibinseln von Kunststoffen in den Weltmeeren haben die Öffentlichkeit wachgerüttelt. Der potenzielle Abbau zu sekundärem Mikroplastik und dessen noch immer nicht geklärten Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit verunsichern zudem die Verbraucher.

Mit dem „Green Deal“ will die Kommission nun die Europäische Wirtschaft durch regulatorische Vorgaben hin zu einer nachhaltigen Zukunft und Kreislaufwirtschaft umgestalten. Mit der erlassenen Richtlinie (EU) 2019/904 (Single-Use-Plastics Directive) über die Verringerung der Auswirkungen bestimmter Kunststoffprodukte auf die Umwelt wurde hierzu ein Schritt auf diesem Weg gegangen.

Kontrovers wurde gestritten über Definitionen und Regelungsinhalte. Bis Juli 2021 müssen alle EU Mitgliedsstaaten die Richtlinie in nationales Recht umgesetzt haben- damit werden viele Einwegplastik-Produkte in der EU ab Juli 2021 verboten sein. Einige weitere Produkte sollen ab 3. Juli 2021 ein spezielles Label tragen, das vor Umweltschäden durch Plastik warnt.

Gerade noch rechtzeitig einigte man sich Ende Mai 2021 auf die fi nale Fassung der zugehörigen Commission Guideline C(2021) 3762 zur Interpretation der RL-Vorgaben. Welche faserbasierten Produkte sind betroffen?

Folgende Definitionen gelten dafür: Einwegkunststoffprodukt: ein ganz oder teilweise aus Kunststoff bestehendes Produkt, das nicht konzipiert, entwickelt und in Verkehr gebracht wird, um während seiner Lebensdauer mehrere Produktkreisläufezu durchlaufen, indem es zur Wiederbefüllung an einen Hersteller oder Vertreiber zurückgegeben wird oder zu demselben Zweck wiederverwendet wird, zu dem es hergestellt worden ist. Die simple Umdeklaration eines von der Materialcharakteristik als Einwegartikel konzipierten Produktes als Mehrwegartikel ist dabei nicht möglich. „Kunststoff“ im Geltungsbereich der SUPD ist definiert als ein Werkstoff bestehend aus einem Polymer im Sinne des Art. 3 Nr. 5 der REACH-Verordnung (VO 1907/2006), dem möglicherweise Zusatzstoffe oder andere Stoffe zugesetzt wurden und der als Hauptstrukturbestandteil von Endprodukten fungieren kann, ausgenommen natürliche Polymere, die nicht chemisch modifiziert wurden; REACH defi niert Polymer als „Stoff, der aus Molekülen besteht, die durch eine Kette einer oder mehrerer Arten von Monomereinheiten gekennzeichnet sind […]“.

 Abb. 1: Hierarchie der Regelungen zu Einwegkunststoff (Stand 1. Juni 2021)

Die gute Nachricht vorweg: Einwegartikel aus Papier und Karton, die nur aus Papier und Karton hergestellt sind und keine Kunststoffauskleidung oder beschichtung aufweisen, zählen nicht als Einwegkunststoffartikel im Sinne der SUPD. Der Einsatz synthetischer polymerer Additive wie Retentionsmittel, Bindemittel und Verarbeitungshilfsstoffe machen aus Papier kein Produkt, welches "Kunststoff" enthält.

Jedoch: Werden Kunststoffbeschichtung oder Auskleidungen („coating or lining“) auf die Oberfläche eines Papier- oder kartonbasierten Materials aufgebracht (z.B. als Wasser-/Fettbarriere), handelt es sich um ein Verbundprodukt, das aus mehr als einem Material besteht, von dem eines aus Kunststoff ist. Damit fallen nach derzeitiger Interpretation Papiere oder Kartone mit Kunststoffbeschichtung oder -Auskleidung in den Geltungsbereich der Richtlinie.

Eine untere Grenze für einen „Massen-%-Anteil“ von Kunststoff gibt es dabei nicht. Beschichtungen mit natürlichen, nicht chemisch modifizierten Polymeren (z.B. native Stärken, MFC, Nanocellulose) sind hiervon ausgenommen. Auch regenerierte Cellulose, z. B. in Form von Viskose, Lyocell und Cellulosefolie, gilt nicht als chemisch modifiziert. Polymere, die durch künstliche Kultivierungs- und Fermentationsprozesse in der Industrie entstehen, z. B. Polyhydroxyalkanoate (PHA) oder Polymilchsäure (PLA), werden dagegen nicht als natürliche Polymere betrachtet, da sie nicht das Ergebnis eines Polymerisationsprozesses sind, der in der Natur stattgefunden hat.

Auch natürliche Polymere, die chemisch modifiziert wurden (Cellulose-Acetat, Stärke-Ether u.ä.) werden als KunststofKunststoffe betrachtet und fallen beim Einsatz für Einwegartikel unter die Regelungen. Nach der Definition Kunststoff als „Polymer“ nach REACH scheinen auch Silikone als Beschichtung von Papieren/Kartonen mit erfasst, welche derzeit im FCM Bereich explizit nicht in der Kunststoff- Verordnung 10/2011 geregelt werden.

Neben dem Verbot bestimmter Artikel wie Wattestäbchen, Besteck (insbesondere Gabeln, Messer, Löffel, Essstäbchen), Teller, Trinkhalme, Rührstäbchen, Luftballonstäbe, Lebensmittelbehälter aus expandiertem Polystyrol, Produkte aus oxoabbaubarem Kunststoff soll auch eine Reduzierung des Verbrauchs bestimmter Produkte und Verpackungen bis 2026 im Vergleich zum Stand 2022 erfolgen. Hiervon betroffen sind Getränkebecher inkl. Verschluss und Deckel sowie Lebensmittelverpackungen (Behältnisse wie Boxen für Lebensmittel) für den vor Ort Verzehr bzw. Take-Away, wenn die Lebensmittel aus der Verpackung heraus ohne weitere Zubereitung verzehrt werden.

Die erweiterte Herstellerverantwortung sieht zudem die Etablierung sowie Kostenübernahme für die Verbraucher-Sensibilisierung für entstehende Verpackungsabfälle sowie Rücknahmesysteme vor (Sammlung, Beförderung, Behandlung). Als Teil der Verbrauchersensibilisierung müssen Einwegkunststoffartikel ab 3.7.2021 die deutlich sichtbare, gut lesbare und unauslöschliche Kennzeichnung „enthält Kunststoff“ tragen. Hier gibt es bis Juli 2022 die Übergangsregelung, Produkte nachträglich mit Etiketten zu kennzeichnen. Die zu verwendenden Symbole dafür sind in der Einwegkunststoffkennzeichnungs konkret vorgegeben (siehe Abb. 1).

Abb. 2: Produkte, die unter die Einwegkunststoffregelungen fallen

Handlungsoptionen

PTS ist gerne Ihr Partner bei der Beratung und Erprobung alternativer Produktentwicklungen, welche nicht unter die SUPD fallen aber dennoch die gewünschte Barrierewirkung gegenüber Fett, Wasser oder migrierenden Stoffen aufweisen, lebensmittelkonform und rezyklierbar sind. Hierzu stehen Labor- und Pilotanlagen sowie ein umfangreiches Portfolio an Mess- und Prüfdienstleistungen bereit. Auch der analytische Nachweis bzw. Bestätigung der Abwesenheit von Polymeren im Sinne der REACH –Verordnung bietet PTS an.

Dr. Antje Harling,

antje.harling@ptspaper.de